Da ich ja seit nunmehr über 5 Jahren in Schweden wohne und meine Tochter nun Ihren AM-Führerschein gemacht hat, bietet sich die Gelegenheit, eine landestypische Gepflogenheit zu nutzen: Das Fahren mit einem Traktor ab 15 Jahren mit der Führerscheinklasse AM. Die nächste Zugstation ist von uns 6km entfernt, es gibt keine Busverbindung dorthin: Es geht also um die letzte Meile.
Diese Traktoren heißen A-Traktoren und es gibt eine ganze EPA-Kultur, eine eigene Musikrichtung namens EPA-Dunk (Beispiel-Playlist, hört mal rein -> grässlich!) und sogar Universitäten befassen sich mit soziologischen Aspekten. Diese Szene darf ich (ohne irgendjemandem zu Nahe zu treten) als volkstümlich bezeichnen, denn A-Traktoren gibt es hauptsächlich im ländlichen Raum, um die Strecken zur nächsten Zug- oder Busstation zu erreichen. Das ist natürlich Frevel in den Augen der EU und es gab in den Jahren 2022-2024 Bestrebungen, das Ganze zu verbieten (aus Sicherheitsgründen, natürlich zum Schutz des Menschen) und es folgten sogar Debatten in Schweden im Riksdag (=schwedischer Bundestag) dazu.
Der Vorrede genug, über die Google Bilder Suche kann man sich mal anschauen, wie vielfältig so was aussehen kann. Es gibt sogar LKW’s , die so zugelassen sind. Da staunt man, was 15-Jährige so fahren, die lediglich auf einem Moped Ihre Fahrausbildung gemacht haben. Man muß keine einzige Fahrstunde mit einem Auto geschweige denn einem LKW gefahren sein. Ein paar Bilder aus meinem Fotoarchiv:
- LKW: Quelle: https://www.instagram.com/p/ChzCiIXsZ10/
Was muss man nun tun, um aus einem gewöhnlichen PKW einen A-Traktor zu basteln?
(Achtung: Aktuelle Regeln in 2026)
- Es muss ein LGF-Schild (Långsamtgående fordon) in einer bestimmten Position angebracht sein
- Die Gewichtsverteilung von Antriebsachse zu zweiter Achse muss 60:40 sein (gilt nicht für Allradfahrzeuge und Fahrzeuge über 2t)
- Der Kofferraum und auch die Rückbank dürfen nicht nutzbar sein und müssen abgetrennt werden. Dies kann z.B. durch ein Gitter oder ein Holzaufbau erfolgen. Beides muss fest in oder mit der Karosserie verankert sein und nicht einfach zu entfernen. Die Türen zum Kofferraum und zur Rückbank müssen verschlossen sein oder das Gitter/Holzaufbau verhindert die Nutzung. Das Gitter muß mindestens 3mm stark und eine Maschengröße von maximal 50mmx50mm haben.
- Es muss eine Zugvorrichtung (AHK) vorhanden sein, und das Fahrzeug muß mindestens 1 Tonne ziehen dürfen (lt. Hersteller).
- Das Fahrzeug darf nicht schneller als 30km/h fahren, auch bei Ausfall des CANBUS, der Eingriff in die Steuerung muss dokumentiert sein, elektronische Teile werden vom TÜV verplombt
- Der Tempomat muss deaktiviert werden
- Hat das Auto Airbags müssen diese weiterhin funktionieren
Ich habe mir selbst noch einen Punkt in der Liste hinzugefügt:
- Der Umbau soll so erfolgen, dass man auch wieder ein normales Auto daraus machen kann.
Und hier ist auch schon das Opfer:
Versuch 1
Also ans Werk und der Reihe nach:
- LGF Schild als Aufkleber bestellt
- Umbau des Innenraums: Rückbank umgeklappt, Dachgriffe herausgenommen, Stange eingesetzt und mit einem Hundegitter und einer Fichtenplatte zusammengebastelt. Die Türen von der Mechanik getrennt und den Aktor vom Steuergerät, letzteres gleichsam mit der Kofferraumklappe.
- Den Tempomaten habe ich auskodiert statt auszubauen
- Die Geschwindigkeitsbegrenzung wollte ich erst selbst kodieren wie den Tempomaten, das Steuergerät des M266 lässt sich aber nur in 7 Stufen kodieren ( 100,120,130,160,180,200 und 230 *haha*) statt einem Geschwindigkeitswert. Das hat also nicht funktioniert. Daher musste ich eine „TÜV-fertige“ Lösung kaufen, die in Schweden erhältlich ist. Diese Elektronik erfüllt alle Anforderungen an Verplombung als auch den Nachweis, dass bei Ausfall des CANBUS oder Manipulation das Auto weiterhin nicht schneller als 30 fährt.
- Bleibt der letzte Punkt: Die Gewichtsverteilung! Die Netzrecherche ergab, das ein W245 B200 eine Verteilung 62:38 hat. Meine Vermutung war, dass das also auch beim B170 irgendwie passen müsste.
- Innen
- Innen 2
- Tempomat auskodieren
- Tempomat in XENTRY
- LOH Electronics
Also fuhr ich mutig zum TÜV … und bin glatt durchgefallen 😭😭😭
- Das LGF Schild muss fest an der Karosserie angebracht sein, keine scharfe Kanten haben (Holzscheibe als Umrandung oder Gummiband) und ein Aufkleber geht wegen der Neigung der Heckscheibe nicht, es darf nur maximal10 Grad sein (fragt nicht, wieviele A-Traktoren ich hier schon gesehen habe, wo das alles nicht zutrifft)
- Das Gitter war nicht ausreichend befestigt, nach Geschmack des TÜV zu lose. Es muss der Form des Innenraums folgen mit einem Abstand von nicht weniger als 10 und nicht mehr als 15cm. (Aha!)
- Aber nun das Schlimmste: Die Gewichtsverteilung stimmt nicht. Es sind 58 zu 42. Das hört sich lapidar, ist aber ein Problem.
Versuch 2
Das größte Problem ist also das Gewicht. Dazu habe ich eine Excel-Tabelle mit Hilfe von KI erstellt, um herauszufinden, wie das gerechnet wird, und wie man das schafft. Denn es gibt ja eine Hebelwirkung: Je weiter man das Gewicht vor die Vorderachse verlagert, desto mehr Entlastung habe ich auf der Hinterachse. Daraus errechnete ich dass vorne 32,5kg hinzu und hinten 50kg raus müssen. Fahrphysikalisch macht das alles null Sinn, da brauchen wir nicht diskutieren.
Also wurde hinten ausgeräumt und siehe da, das Wiegen aller ausgebauten Teile ergab doch rund 50kg. Das Gitter konnte nun an der Verschraubung von der Rücksitzbank festgemacht werden. Und die B Klasse hat vorne ein geräumiges Fach vor dem Kühler. Die Frage war nun: Was ist schwer, kostet möglichst wenig und hat möglichst wenig Volumen? Die Wahl fiel auf Hantelscheiben. Mit M12 in den Querträger verschraubt. Das LGF Schild wurde aus Blech gekauft, auf eine Holzscheibe geklebt und an der bestehenden Kennzeichenbefestigung montiert.
- Ausgeräumt
- Gitter Version 2
- Hanteln
- Hantel
- LGF Skylt
So ging es dann noch einmal zum TÜV und es wurde nochmal spannend. Passt das Gewicht? Wird das Gitter anerkannt? Ich hatte Glück und das Gewicht hat gerade so gepasst. Das Gitter wurde auch für stabil befunden und das LGF Schild ist nun wie es soll. Godkänt! Nun habe ich erst mal 48 Monate Ruhe bis zum nächsten TÜV.
- Klart!
- Benz fahren mit 15 🙂
- Parken üben
Das Projektziel wurde erreicht: Ein sicheres Fahrzeug für „die letzte Meile“ zu schaffen, was auch im Winter einsetzbar ist (statt Moped). Der Aufwand war größer als vermutet, aber letztlich ist man ja bekanntermaßen hinterher immer schlauer als vorher. Die Kosten für so einen Umbau belaufen sich auf ungefähr 800€, wovon 320€ TÜV Gebühren und 360€ die Steuerelektronik sind. Die B Klasse kann dann in 3 Jahren wieder zu einem regulären Fahrzeug zurückgebaut, alle Eingriffe sind reversibel 🙂
Kritisch betrachte ich die nicht vorhandene Führerscheinausbildung mit einem Auto: In dünn besiedelten Gebieten Mittel- und Nordschwedens ist das sicherlich nicht kritisch, weiterhin sind viele der A-Traktor Kids auf dem Land aufgewachsen und fahren wahrscheinlich Agrarfahrzeuge seit sie 6 sind. Hier in Südschweden ist es jedoch nicht ganz ungefährlich, weiterhin haben wir keinen Bauernhof. Wir haben daher erst mal viel geübt: Wenden in drei Zügen, Parken, Umsicht beim Rangieren, usw. Das klappt jetzt ganz gut und ich bin mir sicher, der B Führerschein wird dann ein Selbstläufer.
















